Aminosäuren und Schilddrüse: Tyrosin, Jod und Selen
Aminosäuren und Schilddrüse: Zusammenhänge, Bedarf und Ernährung
Die Schilddrüse baut ihre Hormone aus zwei Bausteinen: der Aminosäure Tyrosin und dem Spurenelement Jod. Dieser Zusammenhang ist Biochemie und unstrittig. Was daraus rechtlich folgt, ist etwas anderes, und darum geht es hier ebenfalls.
Grundlagen: Was sind Aminosäuren?
Aminosäuren sind die Bausteine der Proteine. Sie bilden Enzyme, Gewebestrukturen und Vorstufen von Botenstoffen. Zwanzig proteinogene Aminosäuren sind bekannt, unterteilt in essenzielle, semi-essenzielle und nicht-essenzielle.
Einteilung der Aminosäuren
| Gruppe | Eigenschaft | Beispiele |
|---|---|---|
| Essenzielle Aminosäuren | Müssen über die Nahrung aufgenommen werden | Leucin, Lysin, Methionin, Threonin, Tryptophan, Valin, Isoleucin, Phenylalanin, Histidin |
| Semi-essenzielle Aminosäuren | In besonderen Lebensphasen erforderlich | Arginin, Cystein, Tyrosin, Glutamin, Glycin |
| Nicht-essenzielle Aminosäuren | Können vom Körper selbst gebildet werden | Alanin, Asparagin, Glutaminsäure, Prolin, Serin, Asparaginsäure |
Wie die Schilddrüse ihre Hormone baut
Die Schilddrüse bildet Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3). Beide entstehen aus Tyrosinresten im Protein Thyreoglobulin, an die Jod angehängt wird. Die Zahl im Namen sagt, wie viele Jodatome dranhängen: vier beim T4, drei beim T3.
Tyrosin ist damit Baustein, nicht Steuerung. Der Körper stellt es selbst aus Phenylalanin her, weshalb es als semi-essenziell gilt. Ein Tyrosinmangel ist bei normaler Ernährung nicht der Engpass.
Was zur Schilddrüse gesagt werden darf
Was ein Anbieter über ein Lebensmittel sagen darf, steht in der EU-Unionsliste. Zur Schilddrüse enthält sie zwei Einträge, und beide betreffen Mineralstoffe, keine Aminosäuren:
„Jod trägt zu einer normalen Produktion von Schilddrüsenhormonen und zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei.“
„Selen trägt zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei.“
Das Bundesinstitut für Risikobewertung schlägt für Nahrungsergänzungsmittel 100 µg Jod und 40 µg Selen pro Tagesdosis als Höchstmenge vor. Bei Jod ist das relevanter als bei den meisten anderen Nährstoffen: Zu viel Jod kann die Schilddrüse genauso aus dem Tritt bringen wie zu wenig, und Algen- und Kelpprodukte enthalten davon oft ein Vielfaches der Tagesmenge, ohne dass es auf der Packung klar ausgewiesen ist.
Wofür es keine zugelassene Angabe gibt
Für Aminosäuren gibt es zur Schilddrüse gar nichts:
- L-Tyrosin: keine zugelassene Angabe, weder zur Schilddrüse noch zu Hormonen, Stoffwechsel oder Konzentration. Ein Produkt wie L-Tyrosine 1000 90 Tabl. ist ein Aminosäurepräparat, mehr darf dazu nicht behauptet werden.
- Glutamin, Cystein, Glycin, Arginin: keine zugelassene Angabe.
- Glutathion: keine zugelassene Angabe.
- Kelp-, Algen- und Kräuterkomplexe: keine zugelassene Angabe. Was solche Produkte tragen kann, ist allenfalls der Jod-Wortlaut, und der gehört dann dem enthaltenen Jod.
Das heißt nicht, dass diese Stoffe im Körper keine Rolle spielen. Es heißt, dass sich daraus kein Werbeversprechen ableiten lässt.
Welche Aminosäure wofür gebraucht wird
| Aminosäure | Rolle im Körper | Zugelassene Angabe |
|---|---|---|
| L-Tyrosin | Baustein von T3 und T4, außerdem Vorstufe von Dopamin und Adrenalin | keine |
| Glutamin, Cystein, Glycin | Bausteine des Glutathions | keine |
| Tryptophan | Vorstufe von Serotonin | keine |
| Leucin, Isoleucin, Valin | Verzweigtkettige Aminosäuren, Bestandteil des Muskelproteins | keine |
Eiweißbedarf und Proteinquellen
Aminosäuren kommen über Protein ins Essen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt als Referenzwert 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag für Erwachsene bis 65 Jahre, ab 65 Jahren 1,0 g. Wer regelmäßig Kraftsport macht, liegt üblicherweise höher.
| Körpergewicht | Referenzwert (0,8 g/kg) | Ab 65 Jahren (1,0 g/kg) |
|---|---|---|
| 60 kg | 48 g | 60 g |
| 70 kg | 56 g | 70 g |
| 80 kg | 64 g | 80 g |
Gute Quellen sind Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte, auf pflanzlicher Seite Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Getreide. Bei rein pflanzlicher Ernährung lohnt es sich, Getreide mit Hülsenfrüchten zu kombinieren, weil sich die Aminosäureprofile der beiden Gruppen ergänzen.
Jod kommt in Deutschland vor allem über jodiertes Speisesalz, Seefisch und Milchprodukte ins Essen. Selen über Fisch, Eier, Fleisch und Paranüsse.
FAQ
Welche Aminosäure gehört in die Schilddrüsenhormone?
Tyrosin. An seine Reste im Thyreoglobulin wird Jod angehängt, daraus entstehen T4 und T3. Der Körper bildet Tyrosin auch selbst aus Phenylalanin.
Ist ein Tyrosinpräparat sinnvoll?
Für die Schilddrüse gibt es dazu keine zugelassene Angabe und keinen belegten Nutzen. Der begrenzende Faktor bei der Hormonbildung ist in der Regel Jod, nicht Tyrosin.
Wie viel Protein brauche ich?
0,8 g pro Kilogramm Körpergewicht als Referenzwert, ab 65 Jahren 1,0 g. Wer Kraftsport macht, liegt höher. Verteilt über den Tag nimmt der Körper Protein besser auf als in einer großen Portion.
Sind Aminosäurepräparate nötig?
Wer genug Protein isst, bekommt alle Aminosäuren mit. Einzelpräparate ergeben nur Sinn, wenn es einen konkreten Grund dafür gibt.
Wann es in ärztliche Hand gehört
Das ist bei diesem Thema wichtiger als bei den meisten anderen. Die Schilddrüse lässt sich nicht über das Befinden beurteilen, sondern nur über Blutwerte und gegebenenfalls Ultraschall. Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel, sie behandeln nichts.
- anhaltende Müdigkeit, Gewichtsveränderungen, Herzrasen, Kälte- oder Hitzeempfindlichkeit
- eine Schwellung oder ein Knoten am Hals
- eine bekannte Schilddrüsenerkrankung. Jodhaltige Präparate und Algenprodukte gehören dann grundsätzlich vorher besprochen, weil Jod je nach Befund genau falsch sein kann
- die Einnahme von Schilddrüsenhormonen. Sie werden nüchtern genommen, und Eisen, Calcium sowie Sojaprodukte senken ihre Aufnahme. Mindestens vier Stunden Abstand
- Schwangerschaft und Stillzeit, weil der Jodbedarf dann höher liegt und die Menge ärztlich festgelegt gehört
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung.